Wo steht die deutsche Pferdezucht?

Editorial Pferdeforum im Oktober

Nur die Zuchtverbände Oldenburg, Holstein und Westfalen konnten bei den Weltreiterspielen in der Normandie mit den Niederländern, Belgiern und Dänen mithalten.
Den Verlust der traditionellen Führungsposition der deutschen Zuchtverbände konnte das aber nicht verhindern. „Das muss für uns alle endlich ein Weckruf sein!“, meint Oldenburgs Zuchtleiter Dr. Wolfgang Schulze-Schleppinghoff.

„Das diesjährige Bundeschampionat hat uns wieder eine große Anzahl wunderschöner Erfolge beschert. Der alljährliche Vergleich der deutschen Verbände untereinander hat
den hervorragenden Stand der Oldenburger Zucht in allen Veranlagungsschwerpunkten erneut deutlich gemacht. Auffällig auch, wie viele andere Verbände durch den Einsatz Oldenburger Hengste in der Qualität quasi „beflügelt“ werden.
Wie die Bundeschampionate ein Gradmesser für den Qualitätsstand der Zuchtgebiete innerhalb Deutschlands sind, so kann man die Weltreiterspiele für den Leistungsvergleich
weltweit heranziehen. Bei der nun zu Ende gegangenen Veranstaltung in Frankreich zeigte sich vor allem die starke Qualitätszunahme unserer unmittelbaren Nachbarn, speziell der Niederländer, Dänen und besonders auch der Belgier. So stellten unsere niederländischen Nachbarn mit weitem Abstand die meisten teilnehmenden Pferde, sowohl im Springen als auch in der Dressur. Besonders auffällig auch das Abschneiden des recht kleinen belgischen Verbandes BWP, der bei der Anzahl teilnehmender Springpferde den zweiten Platz belegte und wie die Niederländer auch sehr viele weit vorne Platzierte stellen konnte. Diesen besonders erfolgreichen Verbänden gemeinsam ist eine liberale, genetisch offene Ausrichtung und ein modernes, innovatives Selektionssystem. Dieses orientiert sich weit stärker als das deutsche an der sportlichen Ausrichtung und hat einen geeigneteren Selektionszeitpunkt. Nicht unwesentlich bauen diese Länder dabei auf ursprünglich deutscher Genetik auf, was uns zu denken geben muss.
Beim Vergleich der im Zeitraum zwischen 2000-2004 geborenen Fohlen zu den Teilnehmern der WM im Springen und der Dressur (die Vielseitigkeit wird eindeutig von
den irischen Pferden dominiert), zeigt sich für die deutsche Pferdezucht insgesamt ein ungünstiges Bild. Wir brauchen eine wesentlich größere Anzahl an geborenen Fohlen, um eine vergleichbare Zahl teilnehmender Pferde zu erreichen. Nur die Verbände Holstein, Westfalen und Oldenburg schneiden hierbei besser ab, sie lagen bei dieser WM mit
den führenden Verbänden auf vergleichbarem Niveau.
Der Verlust der einstmalig führenden Stellung Deutschlands muss dabei für uns alle ein
Weckruf sein. Einige unserer Mitbewerber haben offensichtlich effektivere Selektionsmodelle, diese konsequent durchgeführt und weiter verbessert. In Deutschland hat es dagegen in den letzten Jahrzehnten keine wesentlichen positiven Veränderungen gegeben. Kann man so wieder die Spitze erreichen?
Züchten bedeutet selektieren. Realistisch betrachtet, muss die Vielzahl der deutschen Verbände speziell bei der Selektion der Hengste als eine Gesamtheit betrachtet
werden. In dieser sind die einzelnen Verbände in ihrer Handlungsfreiheit nicht nur stark eingeschränkt, sondern befi nden sich faktisch in einer Art „Gefangenschaft“. Zu verwoben erscheinen die Hengstmärkte (Körzeitpunkt) und Leistungsprüfungen (Einsatzmöglichkeiten und Zeit), als das ein Verband alleine ausscheren könnte. Der Erfolg unserer Nachbarn zeigt uns, wie eine offensichtlich effektivere Selektion aussehen kann. Wenn sich etwa nur ein Verband für ein Modell dieser Art entscheiden würde, wären die Ausweichbewegungen der Hengstaufzüchter, Hengsthalter und einiger Züchter des kurzfristigen Vorteils wegen (schnelle Vermarktung von „Kör“-Hengsten, Einsatz ohne Prüfung) wahrscheinlich sehr groß. Sprich: Die stillstehenden Bewahrer bei den Verbänden hätten einen kurzfristigen Vorteil und bis der Erfolg des neuen Modells für die Reformer einsetzt, ist der Zeitraum wohl zu lang, um ihn durchstehen zu können.
Und somit bleibt alles beim Alten.
Die Notwendigkeit für Veränderungen wird vielleicht noch erkannt. Im Konzert der deutschen Verbände wird diskutiert, Konzepte werden vorgeschlagen, beschlossen,
zurückgenommen, neu diskutiert, neu beschlossen – um dann verschoben zu werden. So wie etwa jetzt im September, wo der längst verabschiedete Beschluss, Hengste ab 2015 nun endlich nur noch nach dem Ablegen der Hengstleistungsprüfung zum Zuchteinsatz zuzulassen, erneut um ein Jahr verschoben wurde. Dies macht abermals deutlich, wie selbst kleinste Veränderungen in Deutschland quasi undurchführbar sind.
Wir können auf den derzeitigen Leistungsstand der Oldenburger Zucht sicher zu Recht stolz sein. Wie lange sich dieser in der „Gefangenschaftssituation“ der Verbände in Deutschland langfristig bei der weltweiten Konkurrenz wird halten lassen, ist die entscheidende Frage für unsere Zukunft,“ meint
Dr. Wolfgang Schulze-Schleppinghoff
Zuchtleiter Oldenburger Pferdezuchtverband