Sattlermeister Karl Oeltjen
25.02.2007  

"Das Pferd muss Freund sein"

“Groß und klein”: Auch diese ungewöhnliche Gespann- formation hat Karl Oeltjen (li.) mit seinem Freund Jan Oeltjenbruns “ausgeheckt”. Foto: Posch
Arbeit und gesundes Leben halte ihn so fit, sagt der 92-jährige Sattlermeister Karl Oeltjen aus Wüsting. Er arbeitet immer noch tagtäglich in seiner Werkstatt und steht mit fachlichem Rat und auch Tat bereit. Oeltjen ist einer der letzten Sattlermeister in der Region. Dass er immer noch so fit ist, liege daran, dass er früher viel Sport getrieben habe, meint der rüstige Senior: "Wer sich in der Jugend nicht bewegt, lernt es im Alter auch nicht mehr".  
 
Auch sein Gedächtnis funktioniert klar und schnell, Jahreszahlen, Namen und Begebenheiten aus längst vergangener Zeit, aber auch kurzfristig zurückliegend, nennt er spontan, ohne zu überlegen. Regelmäßig geht und fährt er zu Versammlungen der Vereine und Verbände, in denen er Mitglied ist. Inzwischen natürlich Ehrenmitglied in den Organisationen, in denen er jahrelang aktiv mitgearbeitet hat.  
 
Er war Gemeindebrandmeister bei der Freiwilligen Feuerwehr und Leiter des Katastrophenschutzes Landkreis Oldenburg, Vorstandmitglied der Reitvereine Holle-Wüsting und RC Hude, er war 25 Jahre im Huder Gemeinderat und 17 Jahre im Kreisrat vertreten. Weiterhin war Oeltjen Vorsitzender des Meisterprüfungskomitees Sattlerhandwerk Niedersachsen, Vorsitzender des Gesellenprüfungsausschusses, Vorsitzender der Meister- und Gesellenprüfungskommission für Niedersachsen. Neben seiner Haupttätigkeit als Sattler und Polsterer war er auch noch Pferdeausbilder, Reitlehrer, Richter und Fahrlehrer für Gespanne.  
 
Arbeit an der Doppellonge
Oeltjen favorisiert die Ausbildung von Pferden an der Doppellonge. Die Pferde seien zufrieden, weil sie sich frei bewegen können und ihnen nicht am Gebiss "rumgezurrt" werde. Die Kraft käme aus der Hinterhand und vorne würden die Beine schweben, argumentiert er, sogar Springen an der Doppellonge sei möglich. Allerdings sei für diese Arbeit korrektes Fahrgeschirr notwendig, damit die Leinenführung die richtige Form habe. Würde die Doppellonge falsch, ohne Vordergeschirr, eingesetzt, sei das eine "Vorleistung zur Rollkur und das ist eine strafbare Handlung".  
 
Oeltjen trainierte seine Zwei- und Vierspänner an fünf Tagen in der Woche, jeweils bis zu vier Stunden. "Nur im Schritt auf Sandwegen", betont er. Durch die Arbeit im schweren Wagen hätten die Pferde durch die Zugkraft unglaublich hohe Kondition erreicht. "Wenn das Pferd einen guten Schritt hat - traben kann es ganz alleine".  
 
Immer aktiv
Karl Oeltjen wuchs mit fünf Geschwistern auf, die "überall mit anfassen mussten". 1915 in Hude im Moor geboren und aufgewachsen war das Leben "nicht einfach". Immer schon mussten Oeltjen und seine Geschwister in der "kleinen Klitsche”, dem landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern, viel mitarbeiten, doch die Vielfalt der Tätigkeiten seien mit Leichtigkeit ausgeführt worden. "Lange im Bett liegen bleiben gab es bei uns nicht", und das sei bei ihm heute immer noch so.  
 
Mit fast 15 Jahren begann Karl Oeltjen 1930 seine Handwerkslehre als Sattler und Tapezierer (heute Raumausstatter) in Bookholzberg. "Der Meister konnte alles und zeigte uns, wie schön das ging und wie schnell", erinnert er sich. Häufig blieb er nach Feierabend, "um wieder aufzumachen und neu zu arbeiten", denn es sollte gut sein. Seine Devise, vom Wissensdurst der anderen zu lernen, zähle auch heute noch für ihn. Auch den Qualitätsmaßstab seines Meisters habe er übernommen und will seinen Kunden auch nur gute Qualität übergeben. Im seinem Möbelhandel habe er jedes Möbelstück selber gebaut.  
 
1947 heiratete der Handwerksmann seine Frau Minna und machte sich selbständig. Damals habe noch die "Zigarettenwährung" gegolten, da die Menschen kaum etwas anderes hatten, es wurde viel getauscht. In den landwirtschaftlichen Betrieben und Privathäusern gab es Arbeit im Übermaß. Grundsätzlich nahm Oeltjen jeden Auftrag an, ob als Polsterer und Raumausstatter oder Tätigkeiten rund um Pferd und Wagen. "Arbeitstage von 17 oder 18 Stunden waren keine Seltenheit".  
 
Laden seit 56 Jahren
Seit 1951 arbeitet Karl Oeltjen in seinem jetzigen Laden, an der Bahnhofstraße in Wüsting. Bei Reitern, Fahrern und Landwirten ist Karl Oeltjen immer noch als kompetenter Fachmann für Pferdezubehör wie Fahrgeschirre bekannt. In Wüstung wuchsen auch seine Tochter und sein Sohn auf, inzwischen ist der Senior stolzer fünffacher Opa und hat einen Urenkel.   In Sachen Reiten und Fahren mache ihm niemand etwas vor. 1935 lernte er in Berne bei einem Rittmeister der Kavallerie reiten; "wir gingen auch zu Fuß, wenn dem was nicht passte", erzählt er. Die Ausbildung war nicht sanft, aber er hätte das Reiten gelernt.
 
International am Start
Im Laufe der Jahre wandelte sich der Umgang mit Pferden, sie wurden nicht mehr bei der Feldarbeit und als Zugtiere eingesetzt, sondern fanden immer mehr ihren Platz im Zucht-, Freizeit- und Sportbereich. Auch Oeltjen entdeckte seine Liebe am internationalen Wettkampf und an der Zucht. Als Reiter startete er auf zahllosen nationalen und internationalen Großveranstaltungen, wie zum Beispiel in Rastede und Aachen, dem Deutschen Derby in Hamburg oder bei Europa- und Weltmeisterschaften.  
 
Heute vermisst Oeltjen viel in der Ausbildung der Pferde und Reiter. Fohlen müssten erzogen werden, wie kleine Kinder, ist seine Meinung. "Zuhören ist das ah und oh", doch müsse auch die Ausrüstung passend für das Pferd und die Bekleidung für den Reiter  bequem, nicht nur schick, sein.   "Das Pferd muss Freund sein und freiwillig etwas tun". Pferde müssten geschont und  langsam aufgerichtet werden. Damit sie zufrieden sind, sei der tägliche "Ausgang" unerlässlich. Und “wir putzen mit dem Hafersack", erzählt er augenzwinkernd. Die Pferde gehören zur Familie und werden von morgens bis abends betreut. Das Vertrauen entwickele sich durch den ständigen Umgang mit dem Pferd. "Mit Pferden umgehen, so wie mit uns selber" war und ist immer noch sein Leitspruch.
 
Fortsetzung des Artikels von Bärbel Romey in pferdeforum, Ausgabe März
 

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